
La
cuisine (fr)anglaise?
On
Dancing Hill ist
das zweite Buch dieser
Autorin,
das ich ins Deutsche übersetzt habe, und es war mir ein
Vergnügen - spielt sie doch allzu gern mit beliebten
Klischees oder stellt sie gar auf den Kopf. Wer kennt sie nicht, die
vernichtenden Bonmots - ou plutôt Malmots
- über die ach so unappetitliche englische Küche -
und die
Lobgesänge auf die französische haute cuisine?
Auf die Heldinnen des Romans Die
Farben des Glücks,
zwei Engländerinnen mittleren Alters auf Urlaub in der
Provence, wartet nach langer beschwerlicher
Anreise eine
herbe Enttäuschung. So hatten sie sich das Schlemmen wie Gott
in
Frankreich eigentlich nicht ausgemalt ...
Verkehrte Welt? Vielleicht auch nicht. Die englische Kochkunst fand
kürzlich auch einen prominenten Fürsprecher unter
Galliens
Galionsfiguren:
Mit
einem Lob auf die Küche in London, die besser als die
französische sei, schmeichelte Depardieu
sich jedoch beim
Publikum ein und wurde mit Applaus verabschiedet. Anlass seines
Auftritts war eine Promotion-Tour zur Veröffentlichung der
englischsprachigen Ausgabe seines Kochbuchs My cook book -
ma cuisine.
In der rechten Spalte
ein Auszug aus meiner
deutschen Übersetzung von
Sarah
Challis' „Die
Farben des Glücks“
Englischer
Originaltitel: On
Dancing Hill
Mit freundlicher Genehmigung der Rowohlt Verlag GmbH
|
Die
Atmosphäre in der
Küche
änderte sich
schlagartig. Patrice legte seine Zigarette hin und
spulte
dieselbe
Willkommenszeremonie ab. Sogar die Geste mit dem schief gelegten Kopf
wurde reproduziert. Kate sah amüsiert zu. Der Mann war ein
professioneller Charmeur. Elspeth sprühte
förmlich
nach dem Handkuss und seiner Beteuerung, er sei entzückt, sie
kennenzulernen.
„Nun, meine Damen, gestatten Sie mir,
Ihnen das Essen zu
servieren“, sagte er. Er schnitt ein Baguette auf und legte
es auf den Tisch. Elspeth setzte sich und schüttelte ihre
Serviette auf dem Schoß aus.
„Na, endlich!“, sagte
sie zu Kate. „Ich
sterbe vor Hunger, Sie auch? Haben Sie schon zu Hause
angerufen? Alles
in Ordnung?“
Kate nickte, aber Patrice unterbrach sie, indem er
mit theatralischer
Geste vor jeder einen Teller platzierte. Entgeistert starrten sie auf
das bodenfliesenähnliche Gebilde, ein Mosaik aus rosa und
weißen Quadraten, die sich an ein trockenes Salatblatt nebst
einem Tomatenviertel schmiegten.
„Verflixt!“, murmelte Elspeth
und stach mit der
Gabel darauf ein, „das kann ja heiter werden!“
„Igitt“, murmelte auch Kate.
„Das
Weiße ist, glaube ich, Fett.“ Sie nahm sich vom
Brot, während Elspeth zur Pfeffermühle griff und
ausgiebig mahlte, bevor sie ein winziges Stückchen
abschnitt und zum Mund führte.
„Ja“, teilte sie Kate leise
mit. „Wie ich
mir gedacht habe. Ausgesprochen ekelerregend. Irgendwie kalt und
glitschig und wie Gummi. Wahrscheinlich aus Teilen vom Schwein, die man
lieber vergisst. Ohren und Schnauze und was noch so
hervorsteht.“
Kate konnte sich nur mit
äußerster Mühe das
Lachen verbeißen. „Wenn das vom Schwein ist,
hätten wir noch Schwein!“
Patrice hatte ihnen den Rücken zugekehrt
und
planschte mit den
Töpfen im Spülwasser herum. Das
verschwörerische Gekicher hinter seinem Rücken half
Kate dabei, sich seinem übermächtigen, verwirrenden
Einfluss zu entziehen. Die Müdigkeit und der Wein trugen das
Ihre dazu bei. Sie wurde immer aufgekratzter.
„Ich habe ein Taschentuch im
Ärmel“,
flüsterte sie. Sie zeigte auf ihren Teller. „Sollen
wir das einwickeln und rausschmuggeln?“
„Genial! Ich schieb‘ es erst
noch etwas hin und
her, damit Spuren auf dem Teller bleiben.“
Wie zwei missratene Schulmädchen entsorgten sie die
Scheiben
des Anstoßes verstohlen in das Papiertaschentuch auf Kates
Schoß. Dann wickelte Kate es zu einem kleinen
Päckchen zusammen und schob es sich in den Ärmel.
„Jetzt aber nicht die Nase putzen“,
warnte Elspeth,
und Kate musste sich Brot in den Mund stopfen, um nicht
loszulachen.
Mit ernster Miene und offensichtlich
schwer überfordert von
seinen Bemühungen kam Patrice zurück an den Tisch, um
die Teller zu holen und ihnen Rosé einzuschenken. Elspeth
gelang es, sich zusammenzureißen. Sie las das Etikett und
begann, mit Patrice über die Weinberge der Umgebung zu
fachsimpeln. Er füllte erneut ihre Gläser. Kate trank
einen Schluck, um sich für den nächsten Gang zu
wappnen, der ihnen jetzt vorgesetzt wurde.
Kate musste sich in die Hand beißen, um
nicht laut
herauszuplatzen. In einer roten Pfütze aus zerkochten Tomaten
schwamm ein aufgeweichtes, paniertes, nicht näher
definierbares Schnitzel. Pute, vermeldete Patrice, der jetzt mit den
Kartoffeln und der Gemüsebeilage kam, die Kate im Stillen als
glorifiziertes Schweinefutter bezeichnete: matschige
Steckrübenwürfelchen, vermanscht mit Erbsen aus der
Dose und grauen Kartoffelscheibchen. Elspeth markierte einen
Würgereiz mit Blick auf Kate, die prompt losprustete, das
Geräusch jedoch flugs zu einem Räuspern mutieren
ließ.
Doch schon stellte Elspeth, die über mehr
Selbstbeherrschung verfügte, Kate auf eine noch
härtere Probe. Mit Unschuldsmiene fragte sie nämlich:
„Sagen Sie, Patrice, kochen Sie eigentlich immer?“
Er trat wieder zu ihnen an den Tisch und schenkte sich
selbst nach, die
Zigarette immer noch im Mundwinkel. „Aber nein“,
sagte er mit einer nonchalanten Geste. „Julie kocht, aber
leider ist sie nicht hier. Sie kommt morgen. Wie schmeckt es Ihnen
denn? Ich glaube, mit meinen Kochkünsten ist es nicht weit
her.“
„Doch, schon“, hauchte Kate,
„aber ich
habe keinen großen Hunger. Es tut mir so Leid, nachdem Sie
sich so viel Umstände gemacht haben.“ Ein Schnitt
mit dem Messer offenbarte ihr das Innenleben des Schnitzels: eine graue
Hackfleischmasse, durchsetzt mit weißen Knorpelteilchen.
Elspeth fiel über die Kartoffeln her und
bemerkte sehr
pointiert: „Die
schmecken aber vorzüglich!“
Endlich erlöste sie Patrice und
räumte die Teller ab.
Als er das fast unangetastete Fleisch sah, schnitt er eine Grimasse.
„Da werden sich die Hunde aber freuen“, bemerkte er
trocken und stellte eine Platte mit Ziegenkäse und eine Schale
frischer Feigen auf den Tisch. Beides war köstlich, und
während sie aßen, stellte er das schmutzige Geschirr
in die Spüle und fragte, ob sie sich für den Kaffee
und Kognak nach draußen setzen wollten.
Lust
auf mehr? Dann lesen Sie doch auch noch das erste Kapitel dieses
Familienromans in der Online-Textprobe des Rowohlt
Verlags.
Design
+ Text: Christiane Bergfeld, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.
Letzte
Aktualisierung: 27. September 2009
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