Bereits
drei Jahre waren die geliebten Söhne nun fort, ohne ein Wort,
aber
Mutter Logan backte pausenlos genauso viele Cookies und Kuchen und Pies
wie zuvor, als jene noch dort im Haus wohnten.
Mitunter fand man sich in der
vollgebackenen
Küche nur schwer zurecht. Einmal stellte Mr. Logan dort eine
Kaffeetasse ab und konnte sie zwischen all dem Backwerk nicht
wiederfinden.
Mr. Logan hatte seine Gattin bitten
wollen, nicht so
viel zu backen, kriegte das aber nie gebacken. Bequemer lebte es sich
mit all den Kuchen, Pies und Cookies, als wenn er irgendwen auf
irgendwas ansprach.
Wäre die Gattin ein Getriebe,
gäbe es viel
weniger Cookies, Pies und Kuchen im Haus.
Die Kaffeetasse fand er übrigens nie wieder.
Veröffentlichung
dieses Textauszugs mit freundlicher Genehmigung des Theodor Boder Verlags
Mehr
Textauszüge, englisch
und deutsch, „Die Geschichte
der O" (S. 17-19) und „Willard
und seine
Bowlingtrophäen" (S. 28f.).
Nennen
wir diesen
flotten Dreier in der Überschrift der Einfachheit
und auch spaßeshalber mal eine Triade. Brautiganesk wird es
unweigerlich immer dann, wenn die Logan-Brüder einen ihrer
(comic)heftigen Auftritte haben oder Willard in den Mittelpunkt des
(Nicht-)Geschehens rückt. Die bei oberflächlicher
Betrachtung
so simpel gestrickten Sätze mit den ständigen
Wortwiederholungen erzeugen eine Dynamik aus lauter Anklängen
an
ähnliche Wörter und Wendungen, die zum Teil absurde
Assoziationen wecken oder Doppeldeutigkeiten hervorheben. Da
sich
bekanntlich nicht alle Wortspiele ins Deutsche retten lassen - obwohl
doch viel mehr, als man auf den ersten Blick meinen sollte -, muss man
beim Übersetzen hin und wieder in die Trickkiste greifen und
die
verlorenen Komponenten an anderer Stelle wieder einfügen, also
dort mit Mehrdeutigkeiten jonglieren, wo im Original keine stehen. Dann
bleibt die Gesamtsumme der Wortspiele erhalten - nothing lost, nothing gained.
Beim Übersetzen von „Willard“ stelle ich
jedoch zu
meiner Verblüffung fest, dass sich wie von selbst
„deutsche
Brautiganismen“ aufdrängen, die den Autor sicher
amüsiert hätten.
Einige Beispiele: Die
Bowlingtrophäen
wurden aus einer auf Hochglanz polierten Eichenvitrine gestohlen, a cabinet that was polished to
such a shine that it was like a form of wooden gold. Daraus
wurdein
meiner
Übersetzung zunächst die Klangwiederholung
„gewienerte Vitrine“,
dann aber ein
Eichenschrank, der den Autor an
the
toothless gums of an old man erinnert,
„das zahnlose Zahnfleisch“ eines alten Mannes.
Normalerweise würden sich Lektorin oder Lektor sofort auf
solche
Formulierungen stürzen und sie - da
„unschön“ und beim zahnlosen Zahnfleisch
auf den ersten Blick scheinbar paradox - zum Beispiel in einen „zahnlosen
Mund“
korrigieren. In
den brautiganschen Wiederholungsrhythmus
passt sie
aber wie der Zahn in die Lücke. (Oder wie Wien in die
Wietriene ;-)). Paradoxie und
Parodontose.
Ähnlich funktioniert die
Übersetzung „eine
kleine
Großtat“
für aslight feat,
diesmal ohne Wortwiederholung. Das rhythmische
Element der
ständigen Wiederholung äußert sich hier
durch Herumtigern
auf engstem Raum
und die Assoziation von light feet (paced
back and forth) mit slight
feat.
Ein drittes Beispiel enthält
die Textprobe aus meiner Übersetzung oben, „er
kriegte es nie
gebacken“
für never got
round to [...].
Bei aller Liebe zum Getriebe entwickelt Mr. Logan nun mal kein
Verständnis für den Backtrieb seiner Gattin.
Ein weiteres
Beispiel: Die Bowlingtrophäen - an einer Stelle als
Altäre
und Ikonen beschrieben - erstrahlen in einem religious light.
Auch dafür habe ich eine brautiganeske und scheinbar
scheinheilige
Lösung zwar ohne Glorienschein, aber doch mit Glanz und Gloria
gefunden, was scheint's durchaus nicht dasselbe ist. Mehr soll noch
nicht
verraten werden. Und noch ein Beispiel dafür, wie geradezu
grotesk-brautiganesk sich das Muster der ständigen
Wiederholung in der Übersetzung auf die Spitze
treiben lässt und einen Ausgleich
für andere Stellen schafft, an denen das im Deutschen
nicht so gut funktioniert, nach dem bereits erwähnten Nothing-lost-nothing-gained-Prinzip:
They
tried to blame it on one another.
"It's your fault," one of
the Logan brothers accused another Logan brother.
Sie wollten sich gegenseitig die Schuld zuschieben.
„Das ist deine Schuld“, beschuldigte einer der
Logan-Brüder einen anderen Logan-Bruder.
Zur Frage eines amerikanischen Brautigan-Fans,
ob man den Hintersinn und die Finessen der brautiganschen
„bizarren Metaphern“
denn überhaupt in
eine andere Sprache übertragen könne, habe ich mich auf
der englischen Seite ausgelassen.
~
Willard
und seine
Bowlingtrophäen. Ein grotesker Kriminalroman
von
Richard Brautigan
Das Orginalwerk Willard
and His Bowling Trophies. A Perverse Mystery
erschien 1975 im New Yorker Verlag Simon
and Schuster. Als Übersetzerin reizt mich an diesem Projekt besonders
die Aufhebung der üblichen Schönschreibregeln:
Ständige
Wort- und Klangwiederholungen sind hier nämlich durchaus nicht verpönt,
sondern vom Autor ausdrücklich gewollt.
Da später einmal ein Hörbuch aus dieser Übersetzung werden soll, habe
ich aus der reichen Fülle deutscher Synonyme bewusst solche ausgewählt,
die den Rhythmus und die Satzmelodie des Originals
nachklingen lassen. Manchmal stimmen die englischen und
deutschen Vokalwiederholungen überein („gestooohlene
Booowlingtrooophäen"), dann wieder
wird es in meiner deutschen
Fassung auffällig o- oder ei-
oder au-lastig.
Und die Kapitelüberschrift
„Some Salve Talk“ wird in der Übersetzung zum „Salbengelaber“ – eine
klangliche Brautiganeske, in der gleichzeitig der abwertende
Ton erhalten bleibt.
Brautigan
schrieb eine Art lyrischer Prosa
voller überraschender Metaphern. Seine Gedichte bezeichnete er einmal
selbst als Vorstufe zum Satz und zur Prosa. Nehmen wir zum Beispiel den
Entsetzensschrei, der dem Brüder-Trio bei der Entdeckung des
Trophäendiebstahls entfährt. Durch die temporeiche und übergenaue
Beschreibung des Erzählers entwickelt dieser Schrei eine
atemberaubende Dynamik und mutiert auch in der Vorstellung des Lesers
spontan zur entgleisenden Dampflok. An späterer Stelle taucht
die
Dampflok-Metapher im stark verkürzten Comicblasensprechformat wieder
auf, dieses Mal als Kapitelüberschrift. Wie denn alle
Kapitelüberschriften in WBT ein Kapitel für sich sind ...
Anm.: Eine Kurzfassung der letzten beiden Absätze steht auch
auf der Verlagsseite.
Kleines
Willard-Vademekum
mit
nützlichen
Links zu
gar nicht so fiktiven Personen und Trivia, die in WBT real
oder als Metaphern auftauchen
A
Alkäus
Der
Löwenversteher par excellence
lieferte freundlicherweise auch die
Lückentexte für Bobs
Lieblingslektüre.
Vgl. L
The
Loeb Classical Library.
Anakreon
steuerte
u. a. die warnenden Worte bei, die dem Werk als erstes Motto
vorangestellt sind.
BBowlingball
Und
wieso nicht Bowlingkugel?
Eine gute Frage ... Aber
ein Klick auf den Wikipedia-Link,
der einen anderen auf
diesen Diskussionsverweis beantwortet sie.
Bowlingtrophäen
sind in Brautigans Roman
Devotionalien
und obskure
Objekte der Begierde. Man kann
mit
ihnen aber auch gaaanz anders
umspringen, so zum Beispiel:
Matthew Brady
(So schreibt er sich in Brautigans Original und vielen
anderen
Quellen,
andere
nennen ihn
Mathew.)
Fotos:
Wikipedia
Cover: Wendell Minor
Von
links nach rechts: Brady, Lincoln, Willard und die Bürgerkriegsgeneräle
„Heimlich,
still und leise schlüpfte auf übernatürliche Weise der Geist von
Matthew Brady ins
Haus und
schoss ein Foto von Willard und seinen Bowlingtrophäen. Matthew stellte
sie so auf, dass
Willard wie Abraham
Lincoln aussah und die Bowlingtrophäen aussahen wie seine
Generäle im
Bürgerkrieg."
CJohnny
Carson
„...
und Johnny Carson schoss auf der Mattscheibe wie ein Knallfrosch ins
Zimmer herein."
Frank
Church, Senator
lieferte das schlagkräftige zweite
Motto für die
Fabel: „Dieses Land ist mit Gewalt
geschlagen."
Cookie „Nehmt euch noch ein Cookie",
sagte der Logan-Vater.
DDampflok
Als Metapher für einen
gellenden Schrei, der eine ganz eigene Dynamik entwickelt, bevor er
zischend ins Wasser
fällt und verdampft. Eben ein ganz besonderer Schrei.
GGeschichte der O
Nicht zu verwechseln mit Heinrich von
Kleists „Die Marquise von O...“.
Löwe:
einen solchen nach der Tatze malen, ex
ungue leonem
pingere
Hat weiter keine Bedeutung für den Fortgang der
Geschichte. Spukt nur dem armen
Bob als
klassisches Zitat im
Kopf herum. („An ihren
Tat(z)en
sollt ihr sie erkennen".) Und auf der
englischen Brautigan-Seite
erfahren Sie, dass Pferde keine Klauen oder Krallen haben: Ex
ungula equum pingere,
um das Zitat der Situation anzupassen.
Die Logans und die Lomans
Richard Brautigan meint Arthur Miller.
Meint der Kritiker. Was meinen Sie?
MMona Lisa
Ein Vogel mit langem Schnabel wird mit
der Mona
Lisa verglichen. Was wollte der Dichter uns
damit sagen?
Können
Schnäbel wirklich
lächeln? Doch was, wenn
nicht das Lächeln
der
Giaconda, spiegelt
sich in der
Vogelmiene wider? Das bleibt ein
ungelöstes
Rätsel. Wie der
Grund für
das geheimnisvolle
Lächeln der Giaconda. Ach drum ...
In „A
Confederate General from Big Sur" begegnet uns die Mona Lisa in einer
anderen
Metamorphose: „The pond was quiet like the Mona Lisa." Es
lächelt der Teich, er ladet zum
Bade? Eher nicht. Still (doch nicht starr) ruht der Teich.
Nachdem die Alligatoren die Frösche
verspeist haben.
Foto: www.wikipedia.org
Ein Bild vom
Präsidentenfelsen, im Roman eine toughe Metapher: „Und
die Logans standen stumm im Halbkreis um den Schrank herum und trauten
ihren Augen nicht. Wie Mount
Rushmore
mal drei, nur in Klein."
N
Paul Newman Der
spielt hier nur eine Nebenrolle, und zwar als Darsteller einer
Hauptrolle, mit der sich
die Bowlingbrüder so
gar nicht
identifizieren können. Ganz im Gegenteil, sie sind nach dem
Autokinobesuch völlig von
der Rolle. Eine wichtige Rolle spielt Newman hier allerdings für den
Autor, wenn auch nur als
Stichwortgeber für
ein klitzekleines Klangwortspiel:
Paul Newman
knew how to ...
T
Tatort, Annäherung an den
oder Die Straßen von San Francisco
„Ja, hier
in der Pine Street links abbiegen, dann da ein Stückchen weiter, und
dann zeig ich
dir, wo du
abbiegen musst. Wir biegen an der Fillmore ab."