Deutsche
Erstausgabe 1991
Erlich
hatte nie mit Engländern arbeiten müssen. Dieser
hier
war doch bestimmt aus dem National Theatre am Ende
der Straße entlaufen?
Sie saßen in einem Pub
mit
Blick auf die
Themse, einen Steinwurf vom Century
House entfernt, von den
Büroräumen des Secret
Intelligence Service. Absolut
gar
nichts würde Erlich Zutritt in
den Turm des SIS
verschaffen,
hatte Ruane ihn vorgewarnt. Der
Bühnenengländer trug
ein rosafarbenes Seidenhemd und
eine lindgrüne getupfte Fliege. Ein alter
Wichtigtuer war das. Sie
saßen in dem überfüllten des Pubs, der
sich Saloon
Bar nannte, zwischen lauter
weißen Hemden, die hier
ihre
Lunchpause verbrachten. Die andere Bar war voller
Bauarbeiter.
Erlich fand diesen Treffpunkt idiotisch. In
der drangvollen Enge hockten sie so dicht aufeinander, daß
jede gelangweilte Runzel auf dem Gesicht des Mannes klar
zutage trat. Der Kerl schien alles, was er zu hören bekam,
entsetzlich öde und belanglos zu finden. Erlich trank Perrier,
Ruane
Tomatensaft.
Der Engländer trank zwei große Gin Tonic,
ohne Eis,
mit Zitrone. Erlich nannte ihm den Namen Colt. Man sicherte
ihm
zu, ihn zu überprüfen.
Draußen sagte Ruane, nachdem der Mann die
Straße
hinuntergeschlendert war: „Glaub bloß
nicht,
daß sie alles auf die gleiche Art erledigen wie wir, auch
wenn
sie dieselbe Sprache sprechen. Die CIA hat eine Adresse und
ein
Hinweisschild. Diese Leute hier existieren gar nicht,
wenigstens
nicht hier. Ein scheues
Gesindel
...“
„Sind die etwa alle so exotisch?“
„Ja, der hier ist schon ein schräger
Vogel, aber unter
dem bunten, auffälligen Gefieder kannst du, wenn du
so viel
Glück wie Ehrgeiz hast, einen nüchternen
Zeitgenossen
finden. Er hat eine Mission in das Bekaa-Tal organisiert und
befehligt. Mit einem Scharfschützen hat er mehr
erreicht als
ein Phantomjäger der israelischen Luftwaffe, er hat
einen
üblen Schurken zur Stecke gebracht.“
Erlich sagte mit Nachdruck: „Ich nehme alles
zurück.“

Major
Tucks Brief an seinen Sohn, inzwischen verschlüsselt, wurde
per
Fernschreiber in das Verteidigungsministerium in Bagdad
übermittelt. Alles, was Colin Olivier Louis Tuck
betraf,
wurde in dem kleinen Bürokomplex hinter einem Zaun
abgehandelt, der durch eigene Truppen bewacht wurde. Bis Colts Vater
sich eine Brühe mit Toast und Ei zum Abendbrot nach
oben
bringen würde, wäre der Brief schon in der
Abteilung
des Colonels.
Zeit
bezeichnete man in Frederick Bissetts Privatwelt, der Welt von H3, als
den einhundertmillionsten Teil einer Sekunde. Der
Prozeß
der Kernexplosion, die eine Stadt ausradieren würde,
implizierte eine Reaktion, die in ein paar Hundert dieser
Zeiteinheiten stattfand. Entfernung mußte man neu
definieren, bezogen auf den Durchmesser einer Einheit, die so
klein war wie das Elektron, das das Neutron im Atomkern
umkreist.
Der Durchmesser des Elektrons ist ein „Fermi“, so
benannt
nach dem italienischen Forscher der diese mathematische
Formel
gefunden hat. Es gibt 300 000 000 000 000 Fermis auf
zwölf
Zoll. Von Temperatur sprach man im Zusammenhang von einigen
hundert Millionen Grad Celsius, notwendig zum Trennen des
Elektrons vom Wasserstoffatom, entscheidend für das Entfernen
elektrostatischer Widerstandskräfte der Kerne, damit
sie
kollidieren können. Je höher die
Temperatur, desto
größer die Kollisionskraft, desto
vollständiger die
Reaktion. Druck berechnete man in Megabar. Der Druck im
Zentrum
einer Kernexplosion betrug ein Megabar mal eine Million,
gleich
acht Billionen Tonnen pro Quadratzoll. Energie war die
Freisetzung einer Kraft, mittels derer 2,2 Pfund Gewicht des
Materials, Plutonium, im Falle einer kompletten Spaltung gewaltige
Kräfte im Muskel der Physik produzieren konnten, der
einer
Detonation von 20 000 Tonnen konventionellen Sprengstoffs
vergleichbar war.
Für seine Arbeit mit Zeiten, Entfernungen,
Temperaturen,
Druck und Energien zahlte man dem Wissenschaftler Bissett,
Gehaltsstufe 8, weniger als seinem Nachbarn, dem Klempner,
und
dem Nachbarn des Klempners, dem Vertreter in Konservendosen.
Reuben Boll stand an seiner Tür.
Die Stimme dieses Mannes dröhnte in dem kleinen
Kabuff, man
konnte sie bis ins Vorzimmer hören, wo Carol das
Zepter
über ihre Bürogehilfen schwang.
„Würden Sie mir freundlicherweise
mitteilen, wann Ihr Material endlich fertig ist?“
Bissett antwortete nicht.
Von Monat zu Monat nahm der Arbeitsdruck zu. Er
hätte eine Kurve davon zeichnen können.
Mit dem Trident-Programm hatte der ganze Streß
seinen
Anfang genommen, da dem U-Boot-System im AWE absoluter
Vorrang
eingeräumt wurde. Alles fiel Trident zum
Opfer.
Bissetts
eigenes Projekt wurde in den Hintergrund gedrängt,
man strich ihm Mitarbeiter, Laborzeit,
Experimentiermöglichkeiten. Personalknappheit war ein
weiterer Faktor. Weniger
Forscher,
weniger Techniker, weniger Ingenieure. Welcher
erstklassige
Hochschulabsolvent ließ sich schon für die
AWE
gewinnen, wenn er in der Privatwirtschaft fünfzig
bis hundert
Prozent mehr verdienen konnte?
Vielleicht war einfach nicht genügend Geld da
für
Frederick Bissetts Gehalt oder dringend benötigte
Mittel
für seine Arbeit, aber für bauliche
Maßnahmen fehlten diese weiß Gott nicht. Mehr als eine
Milliarde
für den
A90-Komplex, und er hatte gehört und glaubte es
auch,
daß 35 Millionen Pfund nur für den neuen
Sicherheitszaun zur Verfügung standen ...
Dafür gab es genügend Mittel, Geld spielte keine
Rolle für die verdammten
Bauunternehmer.
Auszug
aus: Gerald
Seymour: Schwarze Geschäfte (Thriller)
Originaltitel:
Condition Black
Deutsche
Übersetzung: © Christiane Bergfeld
Die
Rechte an der deutschen Übersetzung sind an mich
zurückgefallen. Bei Interesse an einer Neuverwertung
wenden
Sie sich bitte an mich. In diesem Zusammenhang möchte ich
darauf
hinweisen, dass der Text vom deutschen Verlag seinerzeit
gekürzt wurde. Da es sich um einen Schnellschuss
handelte,
bekam ich die Korrekturfahnen nicht mehr zur Einsicht und konnte nicht
davon abraten. Die gestrichenen Passagen waren meiner Ansicht
nach schon wichtig für die atmosphärische
Dichte dieses
Thrillers.
Design
+ Text: Christiane Bergfeld, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.
Letzte
Aktualisierung: 27. September 2009
|