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Sarah Dessen: Jener Sommer  [That Summer
Neu erschienen unter dem deutschen Titel: Der Sommer mit dir  
2008 unter dem "deutschen" Titel Sweetheart

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Siebtes Kapitel
Nach unserer Spritztour durchs Einkaufszentrum schien mir Sumner überall über den Weg zu laufen. Das lag zum Teil an seinen vielen verschiedenen Jobs. Neben der Pfeffer-und-Käse- und der Aufsichtstätigkeit im Einkaufszentrum mähte er außerdem auf dem Friedhof den Rasen und chauffierte einen Schulbus für behinderte Kinder. Vom Faulenzen hielt Sumner nichts.
     Ich dachte, es müsse Schicksal sein, dass ich ihm immer wieder in die Arme lief eine Art Zeichen, dass er wieder in mein Leben zurückkehren und irgendetwas festigen oder verändern sollte, eine Stimme aus der Vergangenheit, die mir in meiner augenblicklichen Lage auf alles Antworten gab. Ich wusste, dass es albern war, aber es fiel mir schwer, die Begegnungen mit Sumner für Zufall zu halten.
     Lewis und Ashley kabbelten sich wie gehabt und versöhnten sich wieder fast täglich. Ashleys Launen, die sie bisher für ihre Familie reserviert hatte, wurden jetzt auch für ihn zur Routine und während die Hochzeit immer mehr nahte, näherte er sich unserer Haustür wie einer Bombe, als könne durch ein falsches Wort Kompliment oder durch den falschen Gesichtsausdruck alles in die Luft fliegen. Meine Mutter und ich litten stumm mit ihm, wenn wir ihn zu Ashley hinaufgehen sahen wie ein Soldat, der in die Schlacht zog. Seit Lewis dasselbe durchmachen musste wie wir, fand ich ihn von Tag zu Tag sympathischer. Ich stellte mir vor, dass sich so die Opfer einer Krise solidarisieren, zusammengeschweißt durch das Unfassbare.
     Es waren jetzt noch zwei Wochen bis zur Hochzeit. Die Listen meiner Mutter hatten vom ganzen Haus Besitz ergriffen, gelbe Haftzettel klebten auf allem, was sich nicht von der Stelle bewegen konnte und groß genug dafür war. Sie säumten das Geländer und fielen mir ins Auge wenn ich die Treppe hochging. Sie pappten am Kühlschrank und am Fernseher, Notizen in letzer Minute, Merkzettelchen überall. Sie waren wie Warnschilder, flaggten meinen Weg als Mahnung, vorsichtig um die nächste Ecke zu biegen. Die Hochzeit, die unser Haus so lange in gleich bleibendem Tempo umweht hatte, entwickelte sich allmählich zu einem peitschenden Sturm.
Wo ist denn das andere Päckchen mit den Danksagungskarten?“, hörte ich Ashley von der Küche her fragen, als ich eines Morgens aus der Dusche kam. „Ich brauche mehr als nur die sechs die noch in dieser Packung sind.“
     „Also, ich habe sie in dieselbe Schublade gelegt“, antwortete meine Mutter, und ihre Schuhe schlurften über den Fußboden, als sie sich auf die Suche nach den Karten machte. „Die haben ja wohl keine Beine bekommen.“
     „Natürlich nicht“, knurrte Ashley leise, in gleichmäßig grummelndem, fahrigem Ton, wie ich ihn ständig hinter mir hörte, wenn ich zur falschen Zeit am falschen Ort aufkreuzte.
     Ich hörte meine Mutter zurückkommen und sich einen Stuhl heranziehen. „Da sind sie doch“, sagte sie in ihrer besänftigenden Singsangstimme. „Und ich habe diese Liste hier mitgebracht, damit wir durchgehen können, was heute noch zu tun ist.“
     „Schön.“
     „Okay“, sagte meine Mutter; und dann hörte ich das Rascheln von Plastik, das wohl daher rührte, dass Ashley die Verpackung der neuen Karten aufriss. „Zuerst mal sind heute um zehn die letzten Anproben bei Dillard’s. Ich weiß dass Haven mit jemandem die Schicht getauscht hat, damit sie dabei sein kann, und ich habe heute Morgen angerufen und mich vergewissert dass der Schleier fertig ist.“
     „Vermutlich ist sie schon wieder acht Zentimenter gewachsen, und wir müssen später noch eine Anprobe machen“,  knurrte Ashley. Ich starrte mich durch den Dampf im Badezimmerspiegel an. Ich war schon fast über meinen Spiegel hinausgewachsen, und mein Kopf befand sich gerade noch unterhalb des Rahmens. Ich betrachtete die Geometrie meiner Rippen, Ellbogen und Schlüsselbeine. Vor mir sah ich sich schneidende Linie und Flächen die sich unendlich fortsetzen. Meine Arme waren lang, spillerig und dünn, und mein Knie wirkten wie Scharniere, die die knochigen Teile meiner dünnen Beine zusammenhielten. Ich war scharfkantig, wenn man mich zufällig streifte.
     „Ashley, du weißt dass deine Schwester empfindlich ist, was ihre Länge angeht.“ Für meine Mutter grenzten diese Worte schon fast an schimpfen womit sie aufgehört hatte, seit Ashley eigentlich zu alt dafür war. „Stell dir mal vor, du wärst fünfzehn und fast einsachtzig groß. Für sie ist das ein echtes Problem, und deine Kommentare helfen ihr da auch nicht weiter.“
    Gott, ich sag’s ja nicht, wenn sie dabei ist“, gab Ashley verbittert zurück, und ich fragte mich ob die Danksagungen und all die Freundlichkeit vielleicht den gegenteiligen Effekt hatten und keine Dankbarkeit mehr für die Menschen in ihrer Umgebung übrig ließen. „Außerdem kann sie später froh sein. Sie wird nie dick.“
     „Das ist im Augenblick ein schwacher Trost.“ Meine Mutter räusperte sich. „Nach der Anprobe können wir uns zum letzten Mal mit dem Partyservice treffen. Gestern hat der angerufen. Mit den Horsd’œuvres geht alles klar, du sollst nur noch über das Dessert entscheiden.“.
    „Gott, ich bin es so leid, Entscheidungen zu treffen.“ Eine Pause, in der ich meine Mutter den Kaffee umrühren hörte.
    „Und dann diese blöden Danksagungskarten. Glaubt denn irgendwer im Ernst, ich freue mich nicht über sein Geschenk? Brauchen die das unbedingt schriftlich?“
     „Ja“, versetzte meine Mutter barsch. Ich drehte mich um, als die Worte heraufklangen und sah zum Luftschacht, überrascht von der Ungeduld in ihrer Stimme. „Und ich hatte noch vor, mit dir zu reden, Ashley, nämlich über deine Einstellung zu der Hochzeit in letzter Zeit und zu denen, die ihr Bestes geben, damit sie ein Erfolg wird.“
    „Mutter“, begann Ashley in gelangweiltem Ton. Ich konnte sie beinahe vor mir sehen, wie sie mit der Hand abwinkte, die Worte wegwischte, während meine Mutter sie aussprach.
    „Nein jetzt hörst du mir mal zu.“ Meine Mutter kam richtig in Fahrt. „Ich verstehe ja, dass du unter großem Druck stehst und dass du es als Braut nicht leicht hast. Das ist  alles gut und schön. Aber es gibt dir nicht das Recht, dich mir oder Haven oder sonstwem gegenüber permanent grob, selbstsüchtig, gleichgültig und unausstehlich zu benehmen. wir haben viel Geduld mit dir gehabt, weil wir deine Familie sind und dich lieben, aber jetzt reicht es. Es ist mir egal, ob die Hochzeit in zwei Wochen oder in zwei Stunden stattfindet, ich habe dich nicht dazu erzogen, dich so aufzuführen. Hast du verstanden?“
    Und da war es. Nackt stand ich da, den Blick auf das Stahlgitter des Luftschachts geheftet, durch den die Worte meiner Mutter glockenhell heraufklangen, bis in meine Ohren. Es war jetzt still da unten, nur der Ventilator an der Zimmerdecke surrte langsam kreisend. Dann ein Schluchzer. Und noch einer. Und dann öffneten sich die Schleusen.
     Ashley heulte los, ihre übliche Reaktion auf einen berechtigten Vorwurf.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags
        Design + Text: Christiane Bergfeld, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.
 Letzte Aktualisierung: 28.September  2009
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