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Auszug aus:


Vivienne-Westwood-Biografie von Jane Mulvagh

       Jane Mulvagh: Vivienne Westwood: Die Lady ist ein Punk.

                        Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Agenten
Für Vivienne und Malcolm war Punk sowohl eine Fortsetzung der kommerziellen Ausbeutung der Jugendkultur als auch ein Mix aus vielen früheren Jugendkulten der Nachkriegszeit – Rocker, Teddy-Boys, Mods, Rastafaris – zu einem Molotow-Cocktail trotzigen Protestes. Punk war insofern postmodern, als er sich Symbole und Kleiderstile aus anderen Jugendkulturen für die Kreation einer eigenen Collage borgte, ein Rezept, das Vivienne noch bis Anfang der neunziger Jahre verwendete. Damit war Punk eine Reflexion des Pluralismus, der bereits dem  „Ein-Look-für-eine-Saison“-
 Prinzip der Haute Couture den Garaus gemacht hatte. „Punk“, erklärte Vivienne, „war ein großer Aufstand gegen die Autorität ... Woher kamen denn all die Sachen? Aus der Kultur! ... Die Motive für den Widerstand gegen das Establishment lagen schon in der Kultur begründet ... Als Malcolm und ich noch vor dem Punkrock mit dem Kleidermachen anfingen, sahen wir uns die Kultur an, die wir aus eigener Erfahrung kannten. Wir versuchten das Rebellische auszudrücken, dabei aber sämtliche Motive herauszuwerfen. Unsere Neugier und Recherche führten dazu, daß ein ganz neuer Kult entstand.“
 Tatsächlich kamen die wichtigsten Vorboten des Punk weder von Westwood noch von McLaren. „Selbermachen“ lautete der Schlachtruf. Röhrenhosen und Jeans wurden schon von denen getragen, die sich von den Schlaghosen der Hippies distanzieren wollten; die Sicherheitsnadeln kamen von Johnny Rotten über Richard Hell, der auch als erster die zerschlitzte und zerrissene Mode trug; das „gebrauchte“ Tampon von Sid Vicious; die Rasierklingen, Mülltonnendeckel und Fahrrad- oder Toilettenspülketten wurden von Punkern auf der Straße eingeführt, wie später auch der Mohikanerschnitt; das Hundehalsband von Sharon Hayman aus dem Bromley Contingent; die Elemente militaristischer Kleidung und das dreist Artifizielle in Make-up und Haartracht von Jordan; die abgewandelte Lederjacke (idealerweise von „Lewis Leathers“ in der Great Poland Street) war den Hell’s Angels abgeguckt und wurde mit The Clash, nicht den Pistols assoziiert, die lieber zerrissene Schuluniformen aus Secondhand-Kleiderläden von Wohlfahrtsorganisationen wie Oxfam trugen.
   Die Punkmode feierte das Verkommene, Grausame, Unpassende und Ärmliche. Wenn irgend etwas den Ruch des politisch schlechten Geschmacks hatte (die Hakenkreuze), des sexuelle schlechten Geschmacks (das gebrauchte Tampon oder Kondom), der Arbeiter-Schäbigkeit (der Regenparka), des Billigen (die schwarze Mülltüte, die der Clubbetreiber Philip Sallon populär machte), des Makabren (die mit Kajal fabrizierten „blauen Augen“, inspiriert von Stanley Kubricks Film Uhrwerk Orange aus dem Jahr 1971) oder des Morbiden (der superschmale schwarze Binder, der als Henkersschlinge getragen wurde), dann stürzte man sich darauf. 1978 sagte Vivienne zum Punkmagazin Search and Destroy: „Jetzt wo die Todesstrafe in England abgeschafft ist, weiß jeder, daß ihm etwas derart Schreckliches nicht widerfahren kann, darum kann man so frei sein, wie man mag.“
















Design + Text: Christiane Bergfeld, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.  
Letzte Aktualisierung: 27.  September 2009
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